Kellner_innenKackKolumne SCHAFWIRTIN_ WIRTIN_SCHAF

Weihnachtsalienmonster verkleidet als glitzernes Geschenkpapier, dicke Deko-Engel oder staubigen Vanillekipferlteig haben in den letzten Wochen den Gäst_innen die Hirne ausgesaugt. Zurückgelassen wurden blökende Schafe, die dich mit großen Augen ansehen. Sie hoffen, dass du ihre Wünsche von den Augen ablesen kannst. Sonst werden sie frustriert-aggressiv oder lethargisch. #Kellner_innenKack

Anders kann ich mir einige Vorkommnisse in meinen letzten Diensten nicht erklären. (Es könnte sein, dass sie einfach aufgehört haben zu denken und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Aber das ist grusliger als Weihnachtsalienmonster. Deswegen bleib’ ich bei Weihnachtsalienmonstern.)

Situation ONE:

Am Klo sitzt eine Person. Sie hat, wie meist üblich, die Türe zugesperrt. In einem kleinen Fenster am Schloss ist die Scheibe dahinter rot. Was heißt: „HEY DU! Hier ist jemand gerade beschäftigt mit Kacken, Pissen, Tamponwechseln, Speiben,…. Gib dieser Person gefälligst etwas Ruhe und komm später wieder. Höflichst, dein Klo.“ Wenn die Scheibe hingegen weiß ist, sagt sie „HALLO HALLO HALLO! Ich bin unbesetzt. Trete ein, lass den Scheiß in meiner Muschel sein. Und raste ein bisschen aus, wenn dir die Leute am Arsch gehen. Alles Liebe, dein Klo.“

Das heißt: Bei rot stehen, bei weiß gehen. Eine Gästin_ versteht das Konzept wegen ihrem_ von weihnachtsalienausgesaugten Hirn nicht (mehr). Sie_ versucht die Türe per Klinke zu öffnen, nachdem diese nicht aufgeht (es ist besetzt und die Scheibe auf rot), fängt sie_ an wild an der Türe zu rütteln. (Die arme Person am Klo!) Irgendwann sieht sie_ sich von ihr besiegt und sucht Hilfe an der Bar. Sie_ fragt mich: „Wo ist das Frauen_klo?“ „Eh da wo sie schon (hörbar) versucht hatten reinzugehen.“ „Aber die Tür ging nicht auf.“ „Das liegt daran, dass jemand drinnen ist und zugesperrt hat. (Aber alles wird gut, kleines Schaf. Irgendwann wird das Klo auch für dich frei.)“

Ich verstehe, dass eins von den Farben verwirrt sein kann. Schließlich gibt es auch dokumentierte Fälle über eine Vertauschung von rot- und weiß-Phasen. Was zu einer umgekehrten Bedeutung von „Klo ist besetzt“ und „Klo ist unbesetzt“ führt. Es kann auch sein, dass eins die Klotür nicht aufbekommt – aus unerklärbaren Gründen. Ist mir alles auch schon passiert.

Aber exakt dieselbe Klosituation hatte ich an diesem Abend gleich FÜNF MAL! Ich wusste in meinen fast zweieinhalb Jahren, die ich in diesem Lokal arbeite, bis zu dem Abend gar nicht, dass dieses Problem überhaupt existiert. Es kam nicht (derartig gehäuft) vor.

Situation TWO:

Bestellungen scheinen Schafgäst_innen besonders herauszufordern. Ein Gast_ fragt mich: „Welches Flaschenbier habt ihr?“ Ich antworte auf seine_ Frage „Cerna Hora. Ein tschechisches Bier. Gibts in hell, dunkel und gemischt.“ „Welches Flaschenbier habt ihr?“ „Cerna Hora (wie ich gerade gesagt habe). Oder noch special Sachen von Schremser wie Roggenbier, Hanfbier, Zwickl.“ Er starrt mich durch seine Brille an. „Aber welches Flaschenbier habt ihr? Habt ihr nicht Weitra oder so?“ Ich war baff. Wie soll eins die exakt selbe Frage zum dritten Mal beantworten? Wie geht eins mit so einer Situation um? Ich entscheide mich ruhig zu bleiben, um das Gast_schaf nicht nervös zu machen. „Cerna Hora, Roggenbier, Hanfbier, Zwickl.“ „Welches Fassbier habt ihr? Ein Zwettler oder so, oder?“ „Nein. Ein Helles oder ein Vienna Indian Pale von Schremser.“ „Hmmmm. Ein Schremser.“ „Großes Helles?“ „Hmmm. Habt’s ihr nicht mal Weitra gehabt?“ „Nein.“ „Dann ein großes, helles Schremser.“

Und jetzt kommt noch der lustige Twist in der Geschichte: Dieser Gast_ kommt (mindestens) einmal in der Woche und bestellt sich immer helle, große Bier. J E D E W O C H E!

Am liebsten hätte ich ihm_ trocken gesagt, was er_ immer trinkt. Um ihn_ daran zu erinnern, dass er_ es eigentlich weiß und es eigentlich nicht so schwer ist.

Situation THREE:

Wenn es um Essen und Trinken geht, ist jedes Schaf sich selbst am nächsten. Besonders eindrücklich hab’ ich das als Punschverkäuferin_ vor zwei Jahren am Punsch-/Fladenstand am Weihnachtsmarkt am Karlsplatz erlebt. Die Leute erschlagen sich fast mit den Pfandhäferln oder fangen sich zu prügeln an, damit jede_r erste sein kann. (Die verbalen Attacken braucht eins eigentlich nicht erwähnen, so häufig sind die.) Um dann erst recht nicht zu wissen, was sie bestellen wollen. Damit eins es bis zum Ende eines stressigen Dienstes schafft, ist eine gute Mischung gefragt aus 1. Erziehung („Bitte hören sie auf ihre Häferl auf den Kopf der Person vor Ihnen zu schlagen.“), 2. Geduld („So jetzt beruhigen Sie sich. Alle bekommen etwas.“) und 3. Wut („So jetzt reißen Sie sich zusammen und hören Sie auch mich/die anderen zu beschimpfen. Sonst gibt es keinen Punsch für Sie.“)

Aber es kann auch subtiler sein. Im Lokal bringen ich einer Runde aus älteren Frauen_ ihre Getränke. Einen weißen Spritzer, ein Achtel Rosé und ein Achtel roten Hauswein. Es ist nur ein Glas Wasser auf meinem Tableau für das Achtel Rot. Ich stelle es neben das Achtel Rot vor die älteste Frau_ in der Runde. Dann ist mein Tableau leer. Ihre Freundin_ (?) schnappt sich das Glas und stellte es neben ihren Rosé. Sie starrt mich böse an, aber bittet mich nicht um ein weiteres Glas Wasser. Das tut mir so leid für die Achtel-Rot-Trinkerin_, dass ich ungefragt erneut ein anderes Glas Wasser neben ihr Achtel Rot stelle. Diese ist aber nur grantig auf mich, weil ich den Wein in ein ihr zu kleines Glas geschüttet habe.

Die Gleichung in einer solchen Situation ist: Eins meint es gut und dann kacken Sie dir Schafkacke auf den Kopf. Mein Trinkgeld knackte an diesem Abend nicht mal die 10 Prozentmarke. Die Weihnachtsalienmonster haben den Gäst_innen auch die Fähigkeit Trinkgeld zu geben ausgesaugt!

Das Metaergebnis der Gleichung ist: Weihnachten gehört abgeschafft. Durch die brainsucking Weihnachtsalienmonster verschlechtern sich meine Arbeitsbedingungen um den Faktor 120. SCHAFWIRTIN_ WIRTIN_SCHAF.

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

(Kleiner Erfolg: Ich kann jetzt zwei große Biere in einer Hand tragen! Juhu!)

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Die brainsucking Weihnachtsalienmonster.

 

Kellner_innenKackKolumne BLOODYMONDAY MONDAYBLOODY

Nun ich habe meine Tage. Meine Regel. Menstruation, wie auch immer ihr sie am liebsten nennt. (Manche mögen ja auch die Ausdrücke Erdbeertage oder die rote Hexe. Beide find ich aber euphemistisch und gefallen mir nicht gut. Mehr Ausdrücke fallen mir gerade nicht ein.)

Also ich habe meine Tage und das ist in der Gastro sowas wie eine kleine Katastrophe mit Schlagobers drauf. Welche Person schon mal starke Regelschmerzen hatte, kann sich vorstellen wie eine Arbeit ist in der eins mit Menschen redet, sich körperlich anstrengt, lächelt und Kopfrechnet. URE, VOLL, KOMPLETT BESCHISSEN. #KellnerinnenKack

Den schlimmste-Schmerzen-ersten Regeltag hatte ich per Zufall schon am Tag vor meinem Dienst. Das bedeutet einerseits, dass das Bangen, ob ich den Dienst bestreiten kann etwas weniger wird, andererseits ist der freie Tag im Arsch. Die Frage, die ich mir immer stelle, bleibt: Wünsche ich mir, dass ich nicht arbeiten kann, weil ich mit Krämpfen in möglichst enger embryonalen Stellung im Bett/auf dem Sofa zusammengerollt liege_leide und dafür kein Geld bekomme? Oder wünsche ich mir, dass ich am Tag vor meinem Dienst mit Krämpfen in möglichst enger embryonalen Stellung im Bett/Sofa zusammengerollt liege_leide, damit ich dann einen ungefähren Dienst machen kann und Geld bekomme?

Welcher Wunsch gewinnt, hängt immer von meinem Kontostand ab. Obwohl ich in echt natürlich lieber nicht arbeiten würde. Am liebsten würde ich ja gerne mit Krämpfen in möglichst enger embryonalen Stellung im Bett/auf dem Sofa zusammengerollt liegen, mich krank-_abmelden und trotzdem dafür Geld bekommen. Und am aller aller liebsten hätte ich gerne gar keine Tage mit Krämpfen an denen ich in möglichst enger embryonalen Stellung im Bett/ auf dem Sofa zusammengerollt liege und leide. Und trotzdem Geld bekomme, obwohl ich nicht arbeite.

Aber diese Optionen hat mir noch niemand vorgeschlagen. Außerdem: Wann ich meine Tage bekommen will, kann ich mir nicht wünschen. Sie kommen immer an meinem freien Tag und machen mir die freien Tage davor schon kaputt, weil die Vor-Schmerzen sich in meinem Körper (Rücken, Vagina, Brüste, Gefühle) breit machen.

Also es ist Tag 2 meiner Regeltage und ich fühle mich bekackt. Um 16:15 muss ich mich dann entscheiden. Nehme ich ein Parkemed 500 oder nicht?

Personen, die schon mehr Erfahrungen mit Regelschmerzen hatten, werden euch, ihr die ihr mit Regelschmerzen nicht so vertraut seid, genau sagen können, wie welche Schmerzmittel wirken, wie stark und wie lange. Sie kennen so ziemlich alle, die eins in der Apotheke kaufen kann. Ich bevorzuge Thomapyrin. Die sind so stark, dass die Schmerzen relativ schnell weg sind und das für zirka 2-3 Stunden. Ohne Druggynebeneffekte, wie ich sie bei Parkemed habe. (Die vermeintlichen Regelschmerztabletten, wie Dismenol, haben einen Effekt wie ein Tic-Tac-Zuckerl. Null.) Mein Thomapyrinvorrat zuhause ist allerdings versiegt. Die letzten gingen bei meinen Regelschmerzen das Monat davor drauf.

Deswegen: Parkemed oder kein Parkemed?

Es ist Zeit zu gehen und ich entscheide mich dagegen ein Parkemed zu nehmen. Ich möchte nicht im Dienst ohne augenscheinlichen Grund die ganze Zeit kichern und gegen Gegenstände laufen. Außerdem funktioniert das mit dem Rechnen dann gar nicht mehr. Falls die Schmerzen ganz schlimm werden, greife ich halt auf den lokaleigenen Aspirintablettenvorrat zurück und hau mir eben zwei rein. Das ist zwar nicht ideal, aber na gut.

Im Lokal angekommen, bereue ich meine Entscheidung. Ich bin auch ohne Parkemed drowsy und laufe gegen alle möglichen Ecken und Kanten. Von Tischen, Sesseln, der Bar, vollen Limokisten, leeren Bierkisten, Waschbecken, Mauerecken. Ich pushe mich mit Punk. Ab 17:00, für ein paar Stunden lang. Meinen Kollegen_ stört das nicht. Er ist müde und braucht auch etwas energy. Die drei Metalfans mit dicken Totenkopfringen, -tattoos und T-Shirts sind wahrscheinlich sowieso was anderes gewöhnt. (Warum eigentlich nur immer (nur) Totenköpfe?) Das funktioniert ganz gut, ich tanze bzw. wackle herum beim Schreiben, beim Bier-Zapfen, beim Flaschen-Öffnen, beim mit-Gäste-Reden. Es wird dadurch sogar ein lustiger Dienst. Bis 23:00, dann ist es vorbei mit dem Tanz-Wackeln.

Die Gleichung in einer solchen Situation ist: Wenn eine_r Regelschmerzen hat, dann funktioniert nix mehr richtig. Egal wie sehr eine_r sich noch bemüht. Deswegen braucht eine_r sich aber nicht zusätzlich unter Druck setzen.

Es geht nichts mehr und ich will heim und mich wieder in möglichst enger embryonalen Stellung im Bett/auf dem Sofa zusammengerollt liegen_leiden. Bis wir zusperren können, reibe ich mich meinen Unter-rücken an dem schönen warmen Geschirrspüler. Drücke mir die Barkante gegen meinen Unter-Bauch. Klappe auf dem Zebra-Geparden-Barhocker regelmäßig zusammen. Grantle die Gäste an. Solange bis endlich letzte Runde ist – um 00:30.

„Großes-Bier-Typ“ probierts danach trotzdem noch. „Ein großes Bier und an Schnaps.“ „Nein, letzte Runde war schon.“ „Wollts kein Geld verdienen?“ „Ich geb dir ein Seiterl und einen Schnaps.“ „Ein großes Bier und an Schnaps.“ „Es gibt kein großes Bier mehr.“ „Was ist der Unterschied zwischen einem Bier und einem Seiterl. Gib ma a Krügerl!“ „Du brauchst länger. Es gibt nur ein Seiterl.“ „Dann kannst da dein Seiterl und dein Schnaps ghoitn. Weil ich geh wieder.“ „Ok.“

Das Metaergebnis der Gleichung ist: Solche Diskussionen sind zwar ärgerlich, aber wenn dir Regelschmerzen in den Ohren klirren und du fast speiben musst, dann sieht eine_r das in Relation dazu. Und es ist einfach wurscht. BLOODYMONDAY MONDAYBLOODY

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Foto am 03.12.15 um 14.28
Mein Tampongeist weint ure.

Straßenschuhe

Die schwarze Stiefelschlange

Die Schuhe waren Stiefel und sie fingen hoch oben an, ungefähr in der Mitte des Unterschenkels. Die Menschen, die in den schwarzen Lederstiefeln mit dicker schwarzer Sohle steckten, hatten sie straff gebunden. Die schwarzen Schuhbänder, die sich in regelmäßigen Abständen überkreuzten, hielten die beiden ledrigen Stiefelseitenlappen nah beieinander. Rosa konnte das Leder richtig jaulen hören, so stark wurde es gespannt.

Dicht nebeneinander stand in einer Reihe ein schwarzes, jaulendes Stiefelschuhpaar neben dem anderen. Es waren so viele, dass sie ein paar Schritte von ihnen wegtreten musste um das Ende der Stiefelreihe sehen zu können.

Sie blinzelte ein paar mal kräftig, aber es half nichts. Durch den starken Regen hindurch verschwammen die einzelnen Paare schwarzer Stiefelschuhe zu einer einzigen schwarze Stiefelschlange. Immer wieder bewegte sie sich kurz mal hier und mal dort, dann knirschte ihre schwarze Lederhaut. Aber sonst blieb sie regungslos angespannt auf der Straße liegen, jederzeit zum Angriff bereit.

Unter ihr breitete sich eine Straße aus Pflastersteinen aus. Sie waren rau und kantig. In Einbuchtungen sammelte sich in ihnen das Regenwasser zu kleinen Seen. Umringt von Pflasterstein-Granitbergen war es gefangen und stand. Am Grund der Mikroseen hatte sich festes braunes abgesetzt. Die groben Körnchen konnte Rosa im Stehen am Grund der Pflasterstein-Einbuchtungs-Seen mit bloßem Auge sehen. Ein unhörbares Blop, ein Tropfen fiel in einen hinein und es bewegte sich der ganze kleine See. Die Seeenden schwappten an die kleinen Granitberge, aber raus kamen sie nicht. Zu fest waren ihre steilen Steinwände. Manchmal wenn zu viele unhörsehbare Tropfen-Blops in den See fielen, dann wand sich ein Fluss über die Kante eines Pflasterstein-Granitbergkamms. Der Überfluss riss gleich mehrere Tropfen mit. Was blieb, war immer nur der alte, braune körnige Schlamm am Boden des Sees, der sich höchstens einmal ein bisschen hin und her treiben ließ, wenn es zu wild wurde.

Rosa sah auf die Tropfen auf ihren Schuhe, die sie ihm Gehen mitgenommen hatte. Ihre Schuhe waren schon ganz nass. Sie hatte versucht weiter zu gehen, aber die schwarze Schlange aus Stiefeln lag dick und schwer vor ihr und ließ sie nicht durch. Immer enger zog die schwarze Stiefelschlange ihren Körper um sie und die Menschen, die mit ihr gekommen waren. Einer_ versuchte rauszukommen aber die Stiefelhaut war hart wie die Steinwände gegen die das Pflasterstein-Seewasser schwappte und bald schon rann ihm_ Blut vom Kopf und tropfte auf seine abgetragenen Schuhe. Die schwarze Stiefelschlange schloss bereits einen Kreis um Rosa und die anderen – sie hatte sie fast eingekesselt. Bald würde die Stiefelschlange sie erwürgen.

Doch Rosa und die anderen blieben ruhig und überlegten. Mit den nassen Schuhspitzen begannen sie gemeinsam die Erde und den brüchigen Mörtel zwischen den Pflastersteinen aus zu kratzen und rauszupuhlen. Es dauert lange und die Stiefelschlange kam immer näher. Doch nach und nach lockerten sich die Pflastersteine und brachen die Straße auf, die vor langer Zeit Arbeiter_innen mühsam Stein für Stein zusammengesetzt hatten. Die Pflastersteine begannen sich zu bewegen und schon bald wackelten sie stark. Dann endlich ließ sich einer nach dem anderen lösen. Mit dem Schuhfuß hebelte Rosa einen von ihnen aus und hob ihn auf. Auf ihren Schuhspitzen klebten helle Sandkörner.

Die Maschenschuhe

Melicha starrte auf seine Schuhe. Sie sollten für den Prozess geschönt sein, aber es war nicht besonders gut gelungen. Sie waren matt, gräulich schwarz, die Schuhbänder locker gebunden. So als ob die Masche gleich auseinanderfallen könnte. Dann würden nur noch zwei lose baumelnde Schuhbänder-Stränge überbleiben. Große Aufregung würde ausbrechen wegen losen Schuhbändern. Melicha wurde selbst als Erwachsene noch von unbekannte Menschen am U-Bahnsteig oder vor dem Supermarkt gewarnt: „Pass auf! Deinen Schuhbänder sind offen!“ So schlimm waren die nicht-Maschen.

Als Kinder hatten sie gelernt, dass sie wegen losen Schuhbändern über die eigenen Füße fallen könnten. Schlimmer noch: Die Kinder könnten sich verletzen, tot sein! Und sie wären noch dazu selbst Schuld daran. Schuld daran, dass sie nicht besser darauf geachtet hatten, dass die Maschen wohlgeformte Maschen blieben und nicht zwei formlose Strichschnüre. Die Erwachsenen hatten den Kindern gelernt feste Maschen zu binden, damit sie sich nicht ihren eigenen Strick daraus fallen.

Melichas Bruder, dessen ungelungene Prozess-Schuhe sie anstarrte, hatte sich als Kind gegen das Maschen-Selberbinden vehement geweigert und wählte von Anfang an Klettverschluss-Schuhe. Sobald er eigene Maschen binden hätte sollen, bestand er auf Schuhe, die „ratsch“ machten, wenn er die Klettverschlüsse öffnete und leise blieben, wenn er sie wieder schloss.

Noch heute tat er sich mit der Maschentechnik schwer. Noch immer müsste Melicha ihm die Schuhbänder zu schönen, feste Maschen mit gleichmäßigen Schlaufen binden. Aber sie hatte es sich abgewöhnt, ihn für etwas zu verschönern, als Geschenk zu verpacken, dass sie beide hassten. Immer wieder hatte Melicha ihm Maschen gebunden, damit irgendwann das Erwachsenen-Versprechen eingelöst wurde, dass jemanden ohne lose Schuhbänder nichts passiere. Dass eine_einer sich nicht verletze. Doch es war ein hohles Versprechen, das sich mit der Zeit als glatte Lüge entpuppte. Die Maschen hatten nie das gemeine Unrecht und den heißen Schmerz verhindern können, die ihren Bruder verzweifelten und vor dem Melicha ihn mit Maschen schützen wollte. Das ungerechte Urteil des Richters bliebe nicht in ihnen hängen, sondern flöge durch die runden, gleichmäßig gebogenen Schlaufen hindurch.

Wozu also die Schlaufen, die Maschen wenn sie nicht das aufhalten konnten, wozu Melicha sie band. Ihr Bruder saß vorne übergebeugt alleine in der Mitte des Saals auf einer gerundeten Bank, die mit einer grässlichen Schicht Holzimitat überzogen war. Er raufte sich die Haare, starrte auf seine ungelungenen Schuhe und kämpfte mit den verurteilenden Worten des Richters, die auf ihn einschossen und ihn trafen. Melicha starrte auf seine Prozess-Schuhe und wartete darauf, dass seine Tränen beim Auftreffen auf den Schuhen kurz aufblitzten und mehr und mehr deren Mattigkeit überschwemmen würden. Bis die Tränen schlussendlich einsickerten und selber matt werden würden. Doch Melicha wandte den Blick ab, sie konnte nicht mehr warten, nicht mehr sehen. Die Tränen überfluteten ihre Sicht, schnell wischte sie sie weg und senkte den Blick auf ihre Schuhe. Es waren nicht die schönsten, die sie besaß. Melicha hatte sie teuer in einem kleinen Schuhgeschäft in einer anderen Stadt gekauft. Es war ein Paar rotes Raulederschuhe mit braunen Schuhbändern. Die Schuhbänderknoten, die sie vor langem Zeit einmal geknüpft hatte, lagen hinter den Schuhzungen versteckt.

Die Vogelperspektivschuhe

Max starrte konzentriert auf das erste Drittel seiner_ihrer hellblauen Klettverschlussschuhe und die graue Betonstrasse darunter – aus der Vogelperspektive. Nur dass er_sie kein Vogel war und die Höhe aus der er_sie auf seinem_ihre hellblauen Schuhe starrte auch nicht der eines Vogels entsprach. Auf ihrem Schulweg hatten Max mehrmals durch den frühmorgendlichen Nebel brauen Amseln mit schwarzen Schnäbeln und schwarze Amseln mit gelben Schnäbeln begleitet. Die waren aber nicht größer als das Lineal, das gerade noch in seine_ihre Stiftebox passte und mit dem er_sie im Deutschunterricht die Satzteile Subjekt – Prädikat – Objekt mit blauem, rotem und grünem Fineliner unterstrich.

„Wenn ein Vogel gleich groß ist, wie mein Schuh, wie kann er dann ein Drittel meines Schuhes von oben im Blick haben?“, hatte Max die Lehrer_innen gefragt. Die hatten ihm_ihr erklärt, dass es sich dabei nicht um die echte Größe eines Vogels handelte, sondern um eine spezielle Art wie dieser Häuser oder ganze Städte sehen konnte. Nämlich von hoch oben.

Die Vogelperspektive bezöge sich auf die Sicht des Vogels, wenn er fliegt und nach unten auf die Welt sieht. Erst viel später hatte Max erfahren, dass ihm_ihr damals nur ein Teil der Wahrheit erzählt wurde, denn die Vogelperspektive heißt nämlich auch Militärperspektive. Aber dann hätten ihr_ihm die Lehrer_innen zuerst erklären müssen, was Militär ist und warum dieses überhaupt einen Blick von oben braucht und warum es überhaupt Militär braucht. Und das ist nun wirklich nicht so interessant für ein Kind.

Damals aber war Max damit beschäftigt zu verstehen was nun die Vogelperspektive ist. Er_Sie konnte sich das aber nicht gut vorstellen. Deswegen stieg er_sie mit ihrem Großvater auf Spaziergängen auf hohe Türme im Wald und die höchsten Gebäude der Stadt, sie gingen sogar auf einen kleinen Berg und erklommen die hohe Wendeltreppe des Kirchturms, der von allen Gebäuden auf dem Berg am höchsten in den Himmel ragte.

Was er_sie von dort oben aus sah, waren die Häuser, und sogar die Stadt in der er_sie wohnte. Aber das interessiert Max nicht annähernd soviel wie die Lehrer und Lehrerinnen in der Schule, die Max und seine_ihre Mitschüler_innen immer nur Gebäude von oben zeichnen ließen.

Was ihn_sie verwunderte waren die Punktmenschen. Manche von ihnen bewegten sich, manche standen still. Einige von ihnen waren bunte Punkte, da sie knallig rote Hauben oder leuchtend gelbe Hüte trugen. Aber sonst sahen die Menschen alle aus wie Punkte. Punktmenschen eben. So richtig verstehen, konnte er_sie noch immer nicht warum es den Lehrer_innen in seiner_ihrer Schule so wichtig war, dass sie die Bedeutsamkeit der Vogelperspektive begriff. Als er_sie erneut die Lehrer_innen fragte, wurden diese verärgert und schickten ihn_sie weg.

„Warum wollen die Lehrer_innen, dass Menschen zu Punkte werden? Und woher wollen sie wissen was Amseln mit ihren gelben und schwarzen Schnäbeln sehen?“, fragte Max sich wieder, während er_sie auf der Mitte der Straße nach der scharfen Kurve stand. Er_Sie wartete auf das nächste Auto, vor denen alle Eltern so Angst hatten, da sie ihr Kinder totfahren könnten. Nun starrte er_sie schon länger auf ihre hellblauen Straßenschuhe, aber von den vielen, schnellen Autos über die sich die Erwachsenen beschwerten, war noch kein einziges mit lautem Motorbrummen um die Kurve gekommen. Irgendwann konnte er_sie sich nicht mehr aufs Starren konzentrieren. Ausserdem beschlich ihn_sie die Befürchtung eine der erwachsenen Personen, die in dem Haus an der Kurve wohnte in dem auch er_sie leben musste, könnte ihn_sie beobachten, sein_ihr Vorhaben durchschauen und sich entsetzen.

Er_Sie entschied sich sein_ihr Vorhaben zu verschieben und blickte von sein_ihren hellblauen Klettverschlussschuhen auf. Als Alibi kickte er_sie einen kleinen grauen Stein, der in der Nähe seines_ihres Schuhes lag, auf die andere Straßenseite und machte sich auf die Suche nach den brauen und schwarze Amseln. Max wollte sie fragen gehen, wie sie die Welt so sehen.

Dieser Text wurde im Rahmen des Zweisternmarktes am 21.11.2015 im Zweistern, Wien gelesen.

Ich mach’s mir selbst

Beste Sonntagsbeschäftigung: Ein paar feministische Pornos reinziehen. Mein Beitrag dazu auf umstandslos.com

umstandslos.

von Marlene

Vor kurzem schrieb mir eine Freund_in diese SMS: „hm wir [sie und ihr Sexpartner] haben uns gestern durch die pronowelt [sic] geklickt und es gibt sooo wenige die i gut find.“ Die immer wiederkehrende Frage, die wir uns beide stellen: Gibt es eigentlich irgendwo in dieser Welt Pornos, die uns (erstens als Personen und zweitens als Frauen_) gefallen?

Zuerst einmal: Solche SMS sind nichts außergewöhnliches in unserer Freundinnen_schaftsbeziehung. Wir sind beide ziemliche Sexfans und tauschen uns gerne darüber aus – und das schon seit der Schule. Mit zunehmendem Alter haben wir gemeinsam unabhängig voneinander festgestellt, dass es für manche Männer_ und Frauen_ nicht so leicht ist über ihren Sex zu reden. Das hat uns verwundert, und tut es noch immer. Es hielt uns aber nicht davon ab damit weiterzumachen. Im Gegenteil, wir suchen immer wieder neuen_unbekannte(n) Sex(fantasien). In der Auseinandersetzung bzw. im einfachen, zufälligen Gesprächsaustausch finden wir immer…

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Kellner_innenKackKolumne ANGSTNACHT NACHTANGST

(Triggerwarnung: sexualisierte Gewalt, blöde Sprüche, Vrgwltgngs-Bemerkung)

Ein Monat Kellner_innenKackKolumne ist um und ich weiß nach meinem vorletzten Dienst echt nicht warum ich überhaupt als Kellnerin_ arbeite.

Es gibt Dienste da läuft alles scheiße. Ich fühl mich schon richtig komisch und wie eine Affektehascherin_ weil schon in den letzten drei Kolumnen einiges zusammen gekommen ist, was eins nicht unbedingt als alltäglich, selbst in der Gastro bezeichnen würde. (Ehrlich gesagt hab ich mir das nicht erwartet als ich mit der Kellner_innenKackKolumne angefangen hab.)

Aber auch in der vierten Kolumne geht es nicht ruhiger zu. (Vor der Weihnachtszeit sollte eigentlich die ruhige Zeit sein. Klammer auf in der Klammer Weihnachten in der Gastro ist schrecklich! Die ganzen Jahresend- und Weihnachtsfeiern und Besäufnisse. Klammer zu in der Klammer Was ist daraus geworden? Wollte ich nicht Geld verdienen um ausserhalb meines Jobs okayer leben zu können? Jetzt erleb ich alles in meinem Job und meine Nicht-Job-Zeit wird gebraucht um mich für meinen Job wieder hinzubiegen. The irony around the corner. Watch out.)

In meinem Dienst am Freitag abend kommt als erstes „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sauviel-Bargeld-dabei“-Typ rein (ja tatsächlich er, der von der ersten Folge, war wieder da!). Er konnte sich an nichts mehr erinnern und meint da müssten das letzte Mal tiefenpsychologische Sachen mit ihm durchgegangen sein. Er entschuldigt sich bei mir und verlässt das Lokal relativ rasch.

Dann kommt Lokalverbot-habender-„Ein-Seiterl-bitte“-Typ_ ins Lokal. Und später noch Lokalverbot-habender-„Don’t-touch-me“-Typ_. Und nochmal später zweiter sogar zum zweiten Mal. Dreimal muss ich an dem Abend zwei Typen_ rausschmeißen.

Leute rausschmeißen ist eine der delikatesten, anspruchsvollsten und nervenaufreibendesten Aufgaben als Kellner_in. Wenn dabei nichts kaputt gehen soll, seien es Dinge oder Körper. #Kellner_innenkack

Die Gleichung in einer solchen Situation ist: Als junge Frau_, die öffentlich in einem Lokal arbeitet, kann es sein, dass du mit Gewalt konfrontiert bist. Es passiert immer wieder, es ist immer voll arg und es ist nie leicht damit umzugehen.

Hier Sachen und Aussagen, die mir Lokalverbot-habender-„Ein-Seiterl-bitte“-Typ und Lokalverbot-habender-„Don’t-touch-me“-Typ die letzten 1,5 Jahre in denen ich dort arbeite und sie Lokalverbot haben an den Kopf/gegen meinen Körper warfen.

  1. Die is so jung, die kann mir gar nix sagen.
  2. (Lacht mich aus.)
  3. I’m gonna slap you in the face. (Schlägt mit der flachen Hand auf die hölzerne Wandverkleidung.)
  4. I’m gonna rape you.
  5. I’m gonna rape your mother.
  6. (Spukt vor mir aus.)
  7. I’ll kill you.
  8. (Zeigt mir den Mittelfinger.)
  9. (Zunge zwischen gespreiztem Zeigefinger und Mittelfinger.)
  10. I don’t care what you say. (Weil ich eine Frau_ bin)

5 davon sind im vorletzten Dienst passiert. Hashtag Kellner_innenKack, #Kellner_innenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Nachdem Lokalverbot-habender-„Don’t-touch-me“-Typ_ Nummer 3 gemacht hat, hab ich zum 2. Mal in den 2 Jahren als Kellnerin_ die Polizei gerufen. Zu dritt kommen sie und ich bin froh, dass Lokalverbot-Habender-„Don’t-touch-me“-Typ_ 30 Sekunden davor das Lokal verlässt und ich sie wieder wegschicken kann bevor sie überhaupt noch einen Fuß in das Lokal setzen. (Polizei ist für mich auch nicht entspannungsfördernd.)

Ich bin fertig mit den Nerven. Und ich hab Angst. Als ich mir eine selbstgewuzelte Tschick anzünde, merke ich, dass ich zittere. Ich muss raus. Ich sag meiner Kollegin_, dass ich mal raus muss, ich hab noch viele Stunden Dienst vor mir und ich trage ein Schreckgesicht. Einen Tag vor Halloween will das keine_r der Gäst_innen sehen, vor allem nicht wenn ich ihnen Bier oder Spritzer ausgebe. Da wollen sie ein Lächeln. (Zu der beschissenen Lächel-pflicht im Gastro-Bereich wird’s auch mal eine Folge geben.)

Ich zittere, stehe im Hof, trink einen Schluck Wasser, rauche, rauche mehr und hab 5 Minuten (sag/geb ich mir) bis ich wieder beieinander zu sein habe. Ich zittere und rauche weiter, bis ich das Gefühl hab nicht mehr vor Schock sondern vor Kälte zu zittern. Ich atme ein paar Mal durch und gehe wieder rein. Ich mach meine Job weiter bis 3 in der Früh. Dann bin ich zwar fertig, aber auch fertig mit den Nerven. Auch noch als ich nach Hause gehe und am nächsten Tag und am Abend am Weg ins Lokal um einen weiteren Dienst zu bestreiten. Und auch an diesem Abend kommt Lokalverbot-habender-„Don’t-touch-me“-Typ_. Aber diesmal ist mein Kollege_ da und Lokalverbot-habender-„Don’t-touch-me“-Typ_ braucht nicht eine Stunde Überredung, einen Polizeianruf und geschnorrte Tschick um wieder zu gehen. Er braucht 3 Minuten und vom Kollegen_ 5-geborgte Euro.

Das Metaergebnis der Gleichung ist: Und ich hab zum ersten Mal Angst davor ins Lokal zu gehen. ANGSTNACHT NACHTANGST

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Zombiealert
Zombiealert

Kellner_innenKackKolumne ¡NOPASARÁN!SUNDAY ¡NOPASARÁN!SUNDAY

Das geht nicht. Nämlich das was oder wer in dem letzten Dienst von meinem Kollegen_ und mir passiert ist. Es gibt dazu nicht viel zu sagen ausser, dass es nicht geht und ich jetzt um 2:30 gern Computerspielen will. Tropico 4 um genau zu sein. Da kann eins eine Insel als El Presidente_La Presidenta (Stimmt das? Ich spreche nur Fake-Spanisch) zum Kommunismus führen (oder eben auch nicht).

Es gibt sie ja die Leute, die den Kommunismus nicht so cool finden. Solche Sachen krieg ich auch immer wieder mal mit (unabsichtlich, hinter der Bar, wenn die Gäst_innen reden vor der Bar). Ok. Ja. Wir wissen es, es gibt sie.

Aber so scheiße wie der Typ_ muss eins nicht sein. #Kellner_innenKack

Es ist mein erster Dienst nach meiner Krankheit. Gesund bin ich nicht, aber ok. Wer ist das schon in der Gastro. Viel los, wegen dem Österreich-Brunft-Tag. Da kippen sich die Gäst_innen gern mal weg. Sind ja auch viele liebe dabei, die eben mal eher vom-Bier-pissen als Flaggen hissen. (Heute hab ich im Kistal neben den Scherzerln geschlafen, ah ich kann nicht aufhören. Ich wollte ja vorher schreiben „ihren Kater mit der Katze zuhause ausschlafen“. Kam mir aber zu gags-gags-gags vor.)

Aber „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_ konnte wohl beides in einem vereinen. Und das in dem Lokal in dem mein Kollege_ und ich arbeiten. Was er, „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_, gemacht hat, dass er scheiße ist: Er hat lautstark (Leute haben schon geschaut) in der Mitte des Lokals seinen Freund_innen gesagt: „Faschist_innen sind besser als Kommunist_innen“. Punkt. Das sitzt. Nämlich schlecht.

Mein Kollege_ erzählt mir davon, ich krieg nix mit – weil im Küchen-Exil mit Retzi (Schwammerl/Schwamm/…) und Cif zwischen Olivenölflecken (auf mir), unpackbar-schweren-Gasofen-Töpfe-draufstell-Gittern in der Spülmaschine, der großen und braunen Käsetoast-Käse-Preckal im Toaster. „Ich glaub wir müssen da bald mal wen rausbringen“ – des Kollegen_ Conclusio. Wir reden uns ab, er gibt mir ein Zeichen wenn es soweit ist, damit er nicht alleine ist. (In solchen Situationen ist es sooooo gut, wenn eins nicht alleine in einem Lokal stehen muss.)

Die Gleichung in einer solchen Situation ist: Fascho-Scheiß-sprech-blaazen ist gleich eine Aufforderung das Lokal zu verlassen.

Ich mach mich an die übriggebliebenen Suppenreste und hör nur „Österreich,…Österreich irgendwas so und Österreich da“ – sogar im Küchen-Exil. Aber kein Zeichen. Ich kriegs nicht mit, aber als ich fertig bin mit Suppenresten und Schinkenschnitze-aus-der-Schneidemaschine-rausfitzeln, stehen schon zwei oder drei der 5 Freund_innen von „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_. Zum Gehen. „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_ sitzt breitbeinig noch am Tisch. Irgendwann steht er auch auf und geht. Dann spricht-blaazt keine_r mehr, alle reden in Lokal-Lautstärke und trinken Bier.

Mein Kollege_ ist aber irgendwie angespannt komisch. Ich frag „Alles ok?“ – er erzählt mir als Antwort die Geschichte. Nachdem „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_ nach „bösesten Blicken“ (Zitat) meines Kollegens_ nicht sein spricht-blaazt-Mackerscheißverhalten einpacken konnte, sagt er, mein Kollege_, freundlichst zu ihm_: „Wenn du schon so einen Blödsinn redest, dann tu das leise.“

„Ich brech dir das Gesicht“, sagt „Faschist_innen-sind-besser-als-Kommunist_innen“-Typ_ zurück. Dann schlägt mein Kollege_ die Rechnung vor.

Das Metaergebnis aus der Gleichung ist: Und damit das glas-kristall-klar ist, weil da sind ja manchmal Gäst_innen verwirrt: Ein (zumindest in dem ich arbeite) Lokal ist keine “freie” Zone in der jede_r Fascho-Scheiß sagen/gewalttätig sein (siehe “Ich brech dir das Gesicht.”)  kann, wie er_sie will. Nur weil sie Geld zahlen. Euer scheiß Fascho-Geld will ich nicht. Auch in Zukunft nicht. Also kommt nicht wieder und geht am besten bevor ihr ins Lokal kommt. ¡NOPASARÁN!SUNDAY ¡NOPASARÁN!SUNDAY

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Hustenanfall und Kommunismus
Hustenanfall und Kommunismus

Kellner_innenKackKolumne SUPERPOWERSATURDAY SATURDAYSUPERPOWER

„Es passiert immer was“ – diesen Satz hab ich mir vorgesagt und mich immer wieder gegenüber anderen Leuten sagen hören, wenn ich über meinen Brotjob geredet habe. Dabei hab ich natürlich das Kellnern gemeint. (Was ist eigentlich die geschlechtergerechte Form für Kellnern? Kellner_innen?)

Aber so sehr aufregend hätte es nicht sein müssen. #Kellner_innenKack

Diese Woche ging ichs ruhig an. Ein Dienst in einer Woche. Der hatte es aber in sich. Diesmal nicht wegen den energiesucking „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sau-viel-Bargeld-dabei“-Typen_. Sondern weil einfach sauviel in einem Dienst passiert ist.

Es ist fünf Minuten vor meinem Dienstbeginn. Genauso ist auch meine gefühlte Motivation zum (was sagt mir Duden da Komisches? Wirklich zum? Ich hätte auf getippt.) Dienst. Im Vor-, Minus-, Unter-,…Bereich. So sieht auch das Lokal aus: erstaunlich leer, drei Gäst_innen oder so. Höchstens. Leere allerdings auch hinter der Bar, also da wo die Getränke und normalerweise die Kellner_innen und unnormalerweise Grenzen verkennende bzw. Grenzen überschreitende (betrunken) Gäst_innen stehen.

Und dann beginnt es. ES – Die Passier-Flut. Beide Kollegen_ (Küche und Service) stehen in der Küche über ein blutiges Tuch gebeugt. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es nicht um das blutige Tuch geht, sondern um den fast-abben-Finger des Küchenkollegen_. Beim Schneiden des Schnittlauchs für die hausgemachte Käuterjoghurt-Soße ist es passiert. Beide sind im Schock: Der blasse Küchen-kollege_ beginnt mit fast-abben-in-ein-Tuch-gewickelten-Finger in der Küche auf- und abzugehen. Der Servicekollge_ beginnt die Namen von aufgegessen (Achtung Meci-Plagiat) Speisen von der Essen-Ankündigungs-Tafel mit einem nassen Wetex zu löschen und schreibt mit Kreide “ZELLER-BIRNEN-SUPPE 3,80” drauf. (Wer sagt denn Zeller?)

Dann trete ich ein. Und dann ist da der Moment den eins an manchen Tagen hat, wo eine_n nichts ersch-t. DU HAST ALLES IM GRIFF. Yeah. Ich bin #SuperpowerKellnerin_!

Ich sage dem Küchenkollegen_ er fährt ins Krankenhaus, da stellt sich auch der Servicekollege_ wieder der Situation bereit und fährt ihn dorthin. #SuperpowerKellnerin_-Tat Nummero Uno.

Das Lokal bleibt bei mir. Und das für eine lange Zeit. Eine Zeit, die länger als ausgemacht ist – denn mein Abenddienstkollege_ taucht nicht auf! Es ist einfach passiert, erklärt/sagt er mir später, sehr viel später an diesem Abend über das Telefon. Dasselbe Telefon über das ich ihn ein paar Stunden davor nicht erreichen kann. Tagdienst-Service-Kollege_ erinnert mich: “Da Huat brennt.” Danke. Weiß ich auch.

Aber: SuperpowerKellnerin_ HAT ALLES IM GRIFF! Ich ruf den Chef an, der ist krank. Sonst hat auch niemand Zeit. Fliesenverlegen und so. Dann treib ich aber doch noch meinen Neuen-Kollegen_ auf. #SuperpowerKellnerin_-Tat Nummero Deux.

Die Gleichung in einer solchen Situation ist, dass je nervöser/desorientierter/aufgeregter die Kolleg_innen sind, es umso wichtiger ist, dass wer da ist die_der einfach mal ruhig ist. (Das geht mal besser mal schlechter, aber irgendwer ist immer da der_die das in dem Moment kann.)

Den Rest des Abends treibe ich einen Ersatz für den nächsten Tag für fast-abben-Finger-Küchen-Kollegen_ auf (#SuperpowerKellnerin_-Tat Nummero Drei), zaubere Salat herbei, den es im ganzen Lokal eigentlich nicht mehr gibt (#SuperpowerKellnerin_-Tat Nummero четыре); handle ein auf-einmal-bumm-volles-Lokal, wechsle ein Fass und wische die Scherben-und-Dunkles-Bier-Reste des davor mit Flaschenbier-vollen Tableaus meines Kollegen_ auf (#SuperpowerKellnerin_-Tat Nummero Pantch, zes und sete) – alles mehr oder weniger gleichzeitig. Bäm.

Dafür waren die Gäst_innen unscheinbar. (Danke dafür)

Das Metaergebnis aus der Gleichung ist: Es fühlt sich geil an, wenn alle um dich herum ausfreaken und du hast (das Gefühl) alles im Griff (zu haben). Das passiert auch. SUPERPOWERSATURDAY SATURDAYSUPERPOWER.

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

SuperpowerKellnerin #2
SuperpowerKellnerin_ im Dienst

Kellner_innenKackKolumne WUTFRÜH FRÜHWUT

Na gut, dann mach ich sie jetzt eben doch: Die Kellner_innenKackKolumne.

Dafür verantwortlich ist der „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sau-viel-Bargeld-dabei“-Typ von heute Nacht. Es ist der dritte Abenddienst nach meinem einmonatigen (genau 3 Wochen und ein paar Tage) Urlaub nach 2 Jahren nicht länger als zwei Wochen Urlaub haben. So.

Soviel zu den Fakten. Auch ein Fakt ist, dass es fünf in der Früh ist, obwohl ich eigentlich schon um 1:30 (!!!) aus dem Lokal rausgekommen bin. Warum es da noch fünf in der Früh ist, ist nicht weil ich Bier getrunken habe/trinke, sondern weil ich sauwütend bin.

Nicht nur wegen dem „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sauviel-Bargeld-dabei“-Typ. Aber er war der Augenöffner, der mir die Augen geöffnet hat, dass eine Friede-Engelsgeduld-Liebsein-Verklärung in einem Lokal unangebracht und nicht durchhaltbar ist. Ich hatte sie, diese Verklärung nach meinem Urlaub.

Und dann waren da drei Dienste in einer Woche – puff Verklärung weg. Hashtag Kellner_innenKack, #Kellner_innenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Also „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sauviel-Bargeld-dabei“-Typ ist nicht nur angesoff’n und will in kein Taxi einsteigen (dass er davor zweimal bestellen lässt), er findet auch, dass ich die Inkompetenz und Respektlosigkeit in Person bin und die Anrede „Mädchen“ deswegen besser zu mir passt. Er fragt mich, ob ich denn eigentlich schon mal Sachen ge-diert hab. Nope, hab’ ich nicht. Und dann wird’s schiarch.

Eigentlich ist er ja wütend, weil ich ihm keinen Alkohol mehr gebe. Aber am Ende, 15 Minuten nach der Eröffnung dieses Verbots, „hat er schon gekellnert (aber so richtig mit –dieren) als ich noch in die Windeln geschissen hab’“ und Respekt („bei uns früher hat’s das nicht gegeben“) muss er mir jetzt mal, bevor er nach Hause geht – gehen kann!, beibringen.

Anscheinden bin ich frech. Und mein Interesse Geld zu verdienen gibt es auch nicht. Und eigentlich kenn ich ihn ja gar nicht!!!

„Du kennst mi ned!“ – diesen Satz haben betrunkene Gäste_* schon mehrmals zu mir gesagt nachdem sie:

  1. sich irgendwo saubesoffen haben & sich nicht mehr auskennen (ok passiert mal)
  2. in das Lokal kommen in dem ich arbeite (hmm mal schauen wie das wird)
  3. sich an die Bar setzen & ein Bier oder weißen Spritzer bestellen (puh ein Getränk, aber dann)
  4. mich (grindig) angraben (okay aus dem Weg gehen bis er mit seinem Getränk fertig ist)
  5. bezahlen (zumindest hab ich das Geld herinnen)
  6. mich anstarren und mit mir weiterreden ohne auf Reaktion zu achten (arggghhh)
  7. sich angepisst an einen Tisch setzen (yesss)
  8. einen harten Alk bestellen & mir sagen ich soll was aussuchen & erfolglos versuchen mich auf ein Getränk einzuladen (scheiße, alright das ist dann aber das letzte)
  9. zahlen und fragen ob sie schon alles bezahlt haben (nur Geduld)
  10. einnicken (Juhuuu, etwas Ruhe)
  11. aufwachen & weitertrinken (aja)
  12. sich an die Bar zurücksetzen (no)
  13. mich voll anfucken (oh noo)
  14. den Standard-Auszucker-Legitmierungs-und-Ausbruchssatz „Du kennts mich ja gar nicht“ bringen (Oh nooo, no, no)
  15. eine Flut an sehr persönlichen Geschichten mit traurigen Enden mir entgegenschreien (…)

Das Ding ist, das sind oft wirklich traurige Geschichten und scheiß Erlebnisse – aber wie sie gesagt haben: Ich kenne die Leute nicht, die einmal reinstolpern und danach nie wieder.

Die Gleichung in einer solchen Situation ist, das ist mir heute mit „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sauviel-Bargeld-dabei“-Typ klar geworden: Je mehr an Emotionen durch die Lokalluft fliegen, umso x-mal mehr musst du einstecken und runterschlucken.

Von denen gibt es in so einer Situation nämlich viele. Die der „‚Ich hab’ kein Geld’-(höhö)-Hat-sauviel-Bargeld-dabei“-Typen, die dich beschimpfen und einen emotionalen und alkoholischen Rausch erleben. Deine eigenen, die aufkommen wenn dich wer persönlich beschimpft und beleidigt. Die der anderen Gäst_innen, die sich gestört, belustigt, involviert, bedroht,…fühlen und alle diese Gefühle an einem ruhigen Sonntagabend beim Bier eigentlich nicht haben wollen. Und als schöne Ebbewelle wieder die eigenen, wenn all die guten „Tipps“ von Gästen_ (meist keine Männer_ aus der Gastro) und Kollegen_ (leider) einfluten wie ich die Situation besser handlen hätte können, wenn ich nur das und das und das getan hätte.

Das Metaergebnis aus der Gleichung ist: Schlafraubende WUT um 5 Uhr in der FRÜH. WUTFRÜH FRÜHWUT WUTFRÜH FRÜHWUT

Hashtag Kellner_innenKack, #KellnerinnenKack, Häschtäg Köinner_innenGag

Nummero Uno

*NACHTRAG: Ich bin draufgekommen, dass mir das auch schon mit zwei Gästinnen_ passiert ist. Für diese beiden gilt bei Punkt 4 für die eine statt mich angraben, mit Kopfhörern Musik hören und dazu laut singen-brüllen; und für die andere immer zu nur glucks-kichern. Bei Punkt 15 hat die Glucks-Kicherin_ mir ihre Geschichte mit traurigem Ende nicht entgegengeschrien, aber entgegengeweint.

4-up on 12-10-2015 at 06.08 #3
One lasereye in the night-morning

Mutterschaft und Sexarbeit. Zwei Interviews.

“Das goldene Hurenherz – und ich kümmere mich nicht, was manche Leute denken, was ich tun soll oder kann.” Interview zu Sexarbeit und Mutterschaft – darüber liest man viel zu selten!

umstandslos.

von Cornelia

Anna* ist geborene Ungarin und lebt seit acht Jahren in Österreich. Sie ist 30 Jahre alt und hat zwei Söhne im Alter von vier und neun Jahren.

Kristyna* stammt aus Tschechien und lebt seit sieben Jahren in Österreich. Die 29-Jährige hat eine einjährige Tochter. Über ihren akademischen Grad in ihrem Heimatland sagt sie: “Der ist völlig sinnlos, wenn es darum geht, etwas zum Essen auf den Tisch zu bekommen.”

Ein gängiges Bild in unserer Gesellschaft ist, dass Mutterschaft und Sexarbeit nicht zusammengehen. Wie geht es Ihnen damit?

ANNA: “Es gibt ein Klischee, das richtig ist: Das goldene Hurenherz – und ich kümmere mich nicht, was manche Leute denken, was ich tun soll oder kann. Mein Mann und ich sind glücklich. Meine Kinder gesund – was sonst ist wichtig?”

KRISTYNA: “Manche Leute sagen komische Dinge – und wissen immer besser, wie man sich verhalten soll – speziell dann, wenn…

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8 Monate

Rassistische Skandale, Misshandlungen, Eskalation und Repression, die Beobachter_innen und Zeug_innen trifft: eine Bestandsaufnahme österreichischer Polizeigewalt.

Der damals 20-jährige Student Alex Plima* wollte gerade bei einem Würstelstand nahe einer Wiener U-Bahn-Station Schottentor Bier kaufen, als er Zeuge einer gewaltvollen Verhaftung wurde. Mehrere WEGA-Beamt_innen schleiften einen Mann, der nicht bei vollem Bewusstsein war und am Kopf blutete, die Treppen hoch. Alex stellte sich vor sie und schrie, um Passant_innen auf die Situation aufmerksam zu machen.

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